Die systemische Mastozytose (SM) ist gekennzeichnet durch eine pathologische, individuell unterschiedlich ausgeprägte Vermehrung neoplastischer Mastzellen im Knochenmark, in der Haut und in viszeralen Organen, wobei vor allem Leber, Milz, Darm und Lymphknoten betroffen sind.5 Die wichtigsten diagnostischen Kriterien sind kompakte Infiltrate von zumeist spindelzelligen Mastzellen, eine bei 80‒95% der Patienten nachweisbare Mutation in Codon 816 des KIT-Gens (KIT D816V), das für eine essentielle Rezeptor-Tyrosinkinase kodiert, sowie ein erhöhter Serumtryptase-Wert (>20 µg/l).5 Als charakteristische Symptome stehen bei der indolenten SM vor allem Beschwerden im Vordergrund, die durch Ausschüttung der Mastzell-Mediatoren verursacht werden. Hierzu gehören z. B. Hautläsionen (Juckreiz, Urticaria), Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö und Krämpfe, Schwellungen im Bereich des Respirationstrakts und Dyspnoe, Herz-Kreislauf-Beschwerden, neurologische Beschwerden (Depressionen, Schwindel, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen), diffuse Knochenschmerzen sowie Schwäche und Fatigue.5,6 Bei der fortgeschrittenen SM treten vermehrt Symptome auf, die sich infolge der Infiltration und Schädigung von Organen entwickeln. Beispiele hierfür sind vergrösserte Leber und Milz, Aszites, Malabsorption mit Hypoalbuminämie und Gewichtsverlust, gastrointestinale Ulzera und Darmperforation, Lymphadenopathie, Osteosklerose.5,6 Die systemische Mastozytose ist eine seltene Erkrankung. So wird die Inzidenz für alle Subtypen der SM in einer dänischen Kohortenstudie auf 0,89 Erkrankungen pro 100’000 Einwohner und Jahr geschätzt.7

Die Diagnose einer systemischen Mastozytose basiert auf folgenden Untersuchungen:5,6

  • Blutbild mit Differentialblutbild
  • Laborparameter
  • Knochenmarkpunktion
  • Bildgebende Verfahren

Mit den so erhobenen Daten kann dann auf Grundlage der WHO-Definition aus dem Jahr 2016 eine Diagnose erstellt werden. Demnach liegt eine SM dann vor, wenn 1 Hauptkriterium sowie mindestens 1 Nebenkriterium oder aber mindestens 3 Nebenkriterien, der in Tabelle 1 dargestellten klinischen Befunde erfüllt sind.8

Tabelle 1: Zur Diagnosestellung der SM müssen entweder ein Hauptkriterium und mindestens eines von vier Nebenkriterien oder drei Nebenkriterien erfüllt sein (adaptiert nach 5)

*Gilt nicht bei Vorliegen einer AHN

 Hauptkriterium

 Nebenkriterien

Histologischer Nachweis multifokaler, kompakter Infiltrate aus Mastzellen (≥15) im Knochenmark oder in einem anderen extrakutanen Organ.

  • Nachweis atypischer spindelförmiger Mastzellen (≥25% aller Mastzellen): histologisch im Knochenmark oder in anderen extrakutanen Organen bzw. zytologisch im Knochenmark-Ausstrich.
  • Nachweis einer KIT D816 Punktmutation im peripheren Blut, Knochenmark oder anderen extrakutanen Organen.
  • Nachweis des Oberflächenmarkers CD2 und/oder CD25 auf Mastzellen im Knochenmark, im peripheren Blut oder in einem anderen extrakutanen Organ.
  • Serum-Tryptase-Spiegel persistierend >20 µg/l*

Wenn die Diagnose einer systemischen Mastozytose gesichert ist, kann eine Klassifikation der SM in verschiedene Subtypen anhand klinischer Kriterien und der sogenannten B- und C-Findings erfolgen (Abbildung 1, Tabelle 2).8


Abbildung 1: Kriterien für die Klassifikation der systemischen Mastozytose (adaptiert nach 8)

advSM = fortgeschrittene SM, ASM = aggressive SM, ISM = indolente systemische Mastozytose, KM = Knochenmark, MCL = Mastzell-Leukämie, SM-AHN = SM mit assoziierter hämatologischer Neoplasie, SM = systemische Mastozytose, SSM = schwelende («smoldering») systemische Mastozytose

 

Tabelle 2: B- und C-Findings zur weiteren Klassifikation (adaptiert nach 5)

B-Findings

C-Findings

  • Knochenmark-Infiltration >30% und basale Serum-Tryptase >200 µg/l
  • Zeichen einer deutlichen Dysplasie und/oder Myeloproliferation, ohne dass die Kriterien für ein myelodysplastisches Syndrom (MDS) oder eine myeloproliferative Neoplasie (MPN) erfüllt sind
  • Organomegalie (Leber, Milz, Lymphknoten) ohne Funktionseinschränkung
  • Zytopenie(n): Neutrophile < 1x109/µl, Hb < 10g/dl und/oder Thrombozyten < 100x109/µl.
  • Hepatomegalie mit Leberfunktionsstörung und Aszites.
  • Palpable Splenomegalie mit symptomatischem Hypersplenismus.
  • Malabsorption mit Hypalbuminämie und signifikantem Gewichtsverlust.
  • Skelettale Läsionen: grosse Osteolysen mit pathologischen Frakturen.
  • Lebensbedrohlicher Organschaden in anderen Organsystemen, der durch lokale Mastzell-Infiltration verursacht wird.

Es gibt eine Reihe von klinischen Kriterien und genetischen Faktoren, die die Prognose von Patienten mit einer systemischen Mastozytose beeinflussen können. Der Subtyp der SM ist hier von grosser Bedeutung: So haben Patienten mit einer indolenten SM eine normale Lebenserwartung, während bei einer fortgeschrittenen SM die mediane Lebenserwartung in der Regel Monate bis wenige Jahre beträgt, wobei Patienten mit einer Mastzell-Leukämie die schlechteste Prognose aufweisen.5 Ungünstige Prognoseparameter bei einer indolenten SM sind erhöhter Wert der alkalischen Phosphatase, Splenomegalie, erhöhter ß2-Mikroglobulin-Wert, Beteiligung mehrerer Zell-Linien.5 Bei fortgeschrittener SM wirken sich C-Findings, insbesondere Anämie und Thrombozytopenie, sowie zusätzliche somatische Mutationen, z. B. SRSF2, ASXL1 und/oder RUNX1, chromosomale Aberrationen, vor allem Monosomien, oder ein komplexer Karyotyp ungünstig auf den weiteren Krankheitsverlauf aus.5 Auf Basis von klinischen, laborchemischen und genetischen Daten wurde mittlerweile auch der validierte Prognosescore MARSb etabliert, der die prognostische Einschätzung bei fortgeschrittener SM signifikant verbessert (Tabelle 3).5,9

Tabelle 3: MARS-Prognosescore für die Risikoeinschätzung bei Patienten mit fortgeschrittener SM (adaptiert nach 9)

Risikofaktoren

Punkte

Risikobewertung nach MARS

Alter>60 Jahre

1

  • niedriges Risiko: 0 bis 1 Punkte
  • intermediäres Risiko: 2 Punkte
  • hohes Risiko: 3 bis 5 Punkte

Hämoglobin-Wert <10g/dl

1

Thrombozyten-Wert <100/nl

1

S/A/R (1 Genmutation)

1

S/A/R (≥ 2 Genmutationen)

2

 

b MARS: Mutation-Adjusted Risk Score for Advanced Systemic Mastocytosis

CH2103166126
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