Die Mastozytose umfasst eine heterogene Gruppe von Erkrankungen, bei denen neoplastische Mastzellen in einem oder mehreren Organsystemen akkumulieren.1,2 Diese Mastzellen sekretieren verschiedene Botenstoffe, welche je nach Organ unterschiedliche Symptome hervorrufen.3,4 Bei den kutanen Formen der Mastozytose (CM) liegt eine Mastzelleninfiltration der Haut vor, während bei Patienten mit systemischer Mastozytose (SM) unter anderem auch Knochenmark, Milz, Leber und Gastrointestinaltrakt betroffen sein können.1,2 Die indolente SM (ISM) ist mit 82% deutlich häufiger als die fortgeschrittene SM (advSM).5 Diese betrifft weniger als 10% aller SM-Patienten und wird weiter unterteilt in aggressive SM (ASM), systemische Mastozytose mit assoziierter hämatologischer Neoplasie (SM-AHN) sowie Mastzellenleukämie (MCL) (Abbildung 1).5 Meist beobachtet man bei der indolenten SM (ISM) ebenfalls eine Infiltration der Haut, was bei aggressiver SM (ASM) und Mastzellenleukämie (MCL) seltener ist.1,2 Patienten mit ISM zeigen einen stabilen oder langsam fortschreitenden Krankheitsverlauf und weisen eine normale Lebenserwartung auf, advSM-Patienten hingegen haben eine schlechtere Prognose.3

Abbildung 1: Überblick über die verschiedenen Formen der Mastozytose (adaptiert nach 1,6)

Die Inzidenz über alle SM-Subtypen beträgt bei Erwachsenen ca. 0,9 auf 100’000 Personen, wobei die Zahl wahrscheinlich höher liegt, da die Mastozytose aufgrund ihrer Heterogenität schwer diagnostizierbar ist.5 Eine neuere Untersuchung schätzt die Inzidenz und Prävalenz der advSM auf mindestens 0.8 bzw. 5.2 pro 1 Million Einwohner.7 Für die pädiatrische Mastozytose existieren keine konkreten Zahlen, es wird aber vermutet, dass sie wesentlich häufiger ist. Allerdings liegt bei Kindern meist eine kutane Form (CM) mit Spontanremission in 70-80% der Fälle vor, während Erwachsene zu über 95% an einer SM leiden.3 Zu den Ursachen der Mastozytose zählen Mutationen im Gen KIT, beispielsweise die Mutation D816V, die in 80-90% der Patienten mit SM vorliegt. Sie führt zu einer Überaktivität des Tyrosinkinaserezeptors KIT, was eine Akkumulierung von Mastzellen zur Folge hat.3 Verschiedene Auslöser wie Hitze, Sonnenlicht, Insektenstiche, Lebensmittel, gewisse Medikamente oder Stress können daraufhin eine übermässige Ausschüttung von Botenstoffen dieser Mastzellen verursachen (Abbildung 2).3,4

Abbildung 2: Mögliche Pathogenese der Mastozytose: Eine Überaktivität des KIT Rezeptors führt zu einer Akkumulierung von Mastzellen in verschiedenen Organsystemen, welche dann - durch externe Faktoren getriggert - Botenstoffe ausschütten, die zu einer Vielzahl von Symptomen führen (adaptiert nach 1–4).

Patienten mit Mastozytose weisen oft eine Vielzahl an schwer zuzuordnenden Symptomen auf, welche von Pruritus, Urticaria pigmentosa oder anaphylaktischen Reaktionen über Gewichtsverlust oder Abgeschlagenheit zu Kopf-, Muskel- und Bauchschmerzen reichen. Aufgrund der Heterogenität der Mastozytose variieren die Symptome stark zwischen den einzelnen Formen und können somit die Diagnosestellung verzögern und erschweren. So weisen Patienten mit ISM oft Hautsymptome auf während Patienten mit advSM öfter an Zytopenie, Hepatosplenomegalie oder Lymphadenopathie leiden (Abbildung 3).3,6

Abbildung 3: Mögliche klinische Befunde und Symptome bei SM (adaptiert nach 6)

Die CM wird anhand von makroskopischen Merkmalen der Haut (braune oder rötliche Hautläsionen) diagnostiziert.2 Eine SM liegt laut WHO Kriterien vor, wenn entweder das Hauptkriterium und mindestens ein Nebenkriterium oder mindestens 3 Nebenkriterien erfüllt sind (Abbildung 4, Tabelle 1).1 Anhand klinischer Kriterien und der sogenannten B- und C-Findings erfolgt dann die weitere Klassifikation in die Untertypen (Abbildung 5, Tabelle 2).1

Abbildung 4: Die Diagnose der advSM beginnt häufig mit diesen Bestimmungen1,8

 

Tabelle 1: Zur Diagnosestellung der SM müssen entweder ein Hauptkriterium und mindestens eines von vier Nebenkriterien oder drei Nebenkriterien erfüllt sein (adaptiert nach 1,8). *Gilt nicht bei Vorliegen einer AHN

Hauptkriterium

Nebenkriterien

Histologischer Nachweis multifokaler, kompakter Infiltrate aus Mastzellen (≥15) im Knochenmark oder in einem anderen extrakutanen Organ.

  • Nachweis atypischer spindelförmiger Mastzellen (≥25% aller Mastzellen): histologisch im Knochenmark oder in anderen extrakutanen Organen bzw. zytologisch im Knochenmark-Ausstrich.
  • Nachweis einer KIT D816 Punktmutation im peripheren Blut, Knochenmark oder anderen extrakutanen Organen.
  • Nachweis des Oberflächenmarkers CD2 und/oder CD25 auf Mastzellen im Knochenmark, im peripheren Blut oder in einem anderen extrakutanen Organ.
  • Serum-Tryptase-Spiegel persistierend >20 µg/l*

 

Abbildung 5: Weitere Klassifizierung der SM in Untertypen (adaptiert nach 1,8).

 

Tabelle 2: B- und C-Findings zur weiteren Klassifikation (adaptiert nach 1,8).

B-Findings

C-Findings

  • Knochenmark-Infiltration >30% und basale Serum-Tryptase >200 µg/l
  • Zeichen einer deutlichen Dysplasie und/oder Myeloproliferation, ohne dass die Kriterien für ein myelodysplastisches Syndrom (MDS) oder eine myeloproliferative Neoplasie (MPN) erfüllt sind
  • Organomegalie (Leber, Milz, Lymphknoten) ohne Funktionseinschränkung
  • Zytopenie(n): Neutrophile < 1x109/µl, Hb < 10g/dl und/oder Thrombozyten < 100x109/µl.
  • Hepatomegalie mit Leberfunktionsstörung und Aszites.
  • Palpable Splenomegalie mit symptomatischem Hypersplenismus.
  • Malabsorption mit Hypalbuminämie und signifikantem Gewichtsverlust.
  • Skelettale Läsionen: grosse Osteolysen mit pathologischen Frakturen.
  • Lebensbedrohlicher Organschaden in anderen Organsystemen, der durch lokale Mastzell-Infiltration verursacht wird.

Zu den Behandlungsstrategien gehören einerseits Therapien zur Linderung der durch die Degranulierung der Mastzellen verursachten Symptome und andererseits zytoreduktive und zielgerichtete Therapien, welche eine Reduktion der Mastzellzahl zum Ziel haben.8 Erstere beinhalten Antihistaminika, die Symptome wie Pruritus oder Hautrötungen (H1-Rezeptor Antagonisten) vermindern, sowie H2-Rezeptor Antagonisten zur Linderung von Symptomen im Gastrointestinaltrakt. Protononpumpen-Inhibitoren können bei Bedarf zusätzlich verschrieben werden. Zudem können viele Symptome durch Vermeidung der für den jeweiligen Patienten relevanten Auslöser verhindert werden. Zytoreduktive Therapien kommen wegen den möglichen Nebeneffekten nur bei Patienten mit schwerer Mastozytose zum Einsatz.8 Neben Chemotherapeutika stellen hier Inhibitoren des KIT-Signalwegs und bei Eignung allogene hämatopoietische Stammzelltransplantationen wichtige Therapiemöglichkeiten dar.1

 
  1. Valent P et al. Mastocytosis: 2016 updated WHO classification and novel emerging treatment concepts. Blood. 2017; 129(11): 1420–7.
  2. Hartmann K et al. Cutaneous manifestations in patients with mastocytosis: Consensus report of the European Competence Network on Mastocytosis; the American Academy of Allergy, Asthma & Immunology; and the European Academy of Allergology and Clinical Immunology. Journal of Allergy and Clinical Immunology. 2016; 137(1): 35–45.
  3. Broesby-Olsen S et al. Multidisciplinary Management of Mastocytosis: Nordic Expert Group Consensus. Acta Derm Venerol. 2016; 96(5): 602–12.
  4. Sev’er A et al. Thousand faces of mastocytosis: mistaken medical diagnoses, patient suffering & gender implications. Women’s Health & Urban Life. 2009;8(2):84-112.
  5. Cohen SS et al. Epidemiology of systemic mastocytosis in Denmark. British Journal of Haematology. 2014; 166(4): 521–8.
  6. Lim K-H et al. Systemic mastocytosis in 342 consecutive adults: survival studies and prognostic factors. Blood. 2009; 113(23): 5727–36.
  7. Schwaab J et al. Importance of Adequate Diagnostic Workup for Correct Diagnosis of Advanced Systemic Mastocytosis. J Allergy Clin Immunol Pract. 2020; 8(9): 3121-3127.e1.
  8. Onkopedia Leitlinien systemische Mastozytose. Stand März 2020. Online verfügbar unter: https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/mastozytose-systemische/@@guideline/html/index.html (Letzter Zugriff: 11.08.2020);
CH2101079252
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