Neuroendokrine Tumore (NETs) sind Neoplasien des diffusen neuroendokrinen Systems und können fast überall im Körper auftreten.1 Am häufigsten ist dabei das Verdauungssystem betroffen, gefolgt von der Lunge.1 Die Tumorzellen weisen Ähnlichkeit zu Nervenzellen auf (deshalb: neuro-) und besitzen die Fähigkeit Hormone und Amine zu sezernieren (deshalb: endokrin).1 Etwa zweidrittel der gastroenteropankreatischen neuroendokrinen Tumore (GEP-NETs) sind funktionell inaktiv, das heisst sie sezernieren keine Hormone. Funktionelle Tumore hingegen sind charakterisiert durch die übermässige Produktion und Ausschüttung von Peptidhormonen und biogenen Aminen, wodurch es zu den tumorspezifischen Symptomen kommt.1

Abbildung 1: Lokalisierungen von NETs
Abbildung 1: Lokalisierungen von NETs

Die meisten NETs treten spontan auf, jedoch gibt es insbesondere bei NETs des Pankreas auch vererbte Fälle.1 GEP-NETs sind selten. Pro Jahr werden etwa 4 - 5 neue Fälle pro 100'000 Einwohner registriert – in der Schweiz in etwa 300 - 400 neue Fälle pro Jahr. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen und haben eine schlechtere Prognose.1

Funktionell inaktive Tumore zeigen zu Beginn geringe Symptome, erst wenn sie an Grösse zunehmen und das umliegenden Organen verdrängen oder in andere Organe metastasieren beeinträchtigen sie die Funktion von umliegendem Gewebe. Funktionell aktive Tumore zeigen Tumortyp-abhängige spezifische Symptome. Bei dem Karzinoid-Syndrom kommt es zu Hitzewallungen, lähmender Diarrhö und Krämpfen des Unterbauches. Bei Gastrinomen kommt es zu einer Gastrin vermittelten Übersäuerung des Magens. Die erhöhte Insulinproduktion durch Insulinome führt zu einer Senkung des Blutzuckerspiegels und damit zu Symptomen wie Schwächegefühl, Zittern, Herzklopfen, Schwitzen und Hungergefühl. Die Ausschüttung von Glukagon durch aktive Glukagonome führt zu einer Erhöhung des Blutzuckerspiegels und damit oft zu Gewichtsverlust, Blutarmut und abwechselnd Verstopfung und Durchfall. VIPome schütten das vasoaktive intestinal Peptid (VIP) aus, wodurch es zu wässrigen Durchfällen und in der Folge zu schweren Störungen des Elektrolythaushaltes kommt.

Eine histologische Untersuchung von Tumorgewebe ist unerlässlich und kann an Resektionsproben oder Biopsien vorgenommen werden.1 Eine immunhistochemische Detektion der Marker Synaptophysin und Chromogranin A ist ein starker Indikator für den neuroendokrinen Phänotyp. Die Tumore sollten anhand ihrer Morphologie, Proliferationsrate und manchmal auch ihres Mutationsspektrums in gut-differenzierte (Grad 1 bis Grad 3) und schlecht-differenzierte (immer Grad 3) Tumore klassifiziert werden. Als bildgebendes Verfahren zur Lokalisierung von Tumor und etwaigen Metastasen ist die Computertomographie (CT) auf Grund seiner Verfügbarkeit, Reproduzierbarkeit und hoher diagnostischer Ergiebigkeit die erste Wahl. Weitere bildgebende Verfahren zur Diagnose sind unter anderem Magnetresonanztomographie (MRIa), diverse Ultraschall Techniken und Positronen Emmissions Tomographie (PET).1

a magnetic resonance imaging (Magnetresonanztomographie)

Bei funktionellen NETs sind die klinischen Symptome vor weiterer Behandlung unter Kontrolle zu bringen.1 Für gut-differenzierte (Grad 1 oder 2), lokal begrenzte NETs ist eine chirurgische Entfernung des Tumors die Behandlung der Wahl. Auch bei metastasierenden NETs kann ein chirurgischer Eingriff erwogen werden, abhängig von der Leberbeteiligung, der Lokalisierung der (Leber-)Metastasen und des Grads des Tumors. Gleichzeitig ist eine medikamentöse Therapie mit dem Ziel der symptomatischen Behandlung und einer Kontrolle des Tumorwachstums einzuleiten. Als Standard-Erstlinientherapie bei funktionellen NETs kommen Somatostatin-Analoga zum Einsatz. Als Zusatz zu Somatostatin-Analoga oder als Zweitlinientherapie ist Interferon α zugelassen, jedoch ist die stärkere Toxizität zu beachten.1 Inhibitoren der Tryptophan Hydroxylase verlangsamen die Serotonin-Produktion und können dadurch auch Symptome mildern. Bei fortschreitender Krankheit kann eine Peptid Radionuklid Therapie erwogen werden, obwohl die Wirkung möglicherweise nicht dauerhaft ist.1 Zudem gibt es mTORb Inhibitoren, Tyrosinkinase Inhibitoren und systemische Chemotherapie für die Behandlung von NETs.1 Eine graphische Zusammenfassung der Behandlungsstrategien findet sich in Abbildung 1.

Abbildung 2: Behandlungsplan für NETs (adaptiert nach 1)

b mammalian target of rapamycin

  1. Pavel M et al. Gastroenteropancreatic neuroendocrine neoplasms: ESMO Clinical Practice Guidelines for diagnosis, treatment and follow-up†. Annals of Oncology. Elsevier Ltd; 2020; 31(7): 844–60.

CH2012174265
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